15 bis 20 Frauen treffen sich einmal im Monat in Gerstetten zum internatio­nalen Frauenfrühstück im katholischen Gemeinde­zentrum. Am Mittwoch, 07. Oktober 2015 war es wieder so weit.

 

Von KARIN LORENZ       

 

Der Kaffee duftet. Auf den Tischen steht Selbstgebackenes, daneben frisches Obst, Gemüse, Butter, Käse. Jede Frau bringt eine Kleinig­keit mit zum Frauenfrühstück, meist Spezialitäten aus der Hei­mat. Die Gruppe der Türkinnen fehlt heute, sie sind hier berühmt für ihre leckeren Salate. Aber auch ohne Salat kommt wieder ein bun­tes Büffet-Angebot zusammen.

Veranstaltet wird das internatio­nale Frauenfrühstück vom Orts­seniorenrat Gerstetten, von „Ge­meinsam leben - gemeinsam ler­nen" und dem Freundeskreis Asyl. Türkische Frauen waren die ersten, die kamen, erinnert sich Frühstücks-Helferin Alexandra Palzer. Die Gerstetterin Gülüzar Winter hatte als „schwäbische Türkin" das Frühstückstreff einst ins Leben ge­rufen, um türkischen Hausfrauen zu helfen, den Schritt heraus aus den eigenen vier Wänden zu wa­gen. Inzwischen gehören auch Asylbewerberinnen zu den Stammgästen des Frühstückstreffs.

Gebäck wird reihum gereicht. Es wird gelacht, geplaudert, über Kin­der, über Arzttermine, über Schule. Geredet wird auf Deutsch - und wenn die Worte fehlen, mit Hän­den und Füßen.

Anni Blankenhorn gehört zu den ersten deutschen Frauen, die beim Frühstückstreff mithalfen und ist seither dabei geblieben. Mit Frau­en aus fast allen Ecken der Erde saß sie seither am Frühstückstisch. Sie war zuvor schon eine der ersten ge­wesen, die sich für Flüchtlinge in Gerstetten einsetzten. „Vor 25 Jah­ren kamen die ersten Asylbewer­ber zu uns", erzählt die Seniorin. „Sie kamen aus Bangladesch. Da­nach kamen Iraner, dann Eritreer, Äthiopier und Albaner", listet sie auf. Zurzeit sind es vor allem Frau­en aus Ungarn, der Ukraine, Maze­donien und Albanien die zum Frühstück kommen. Zum ersten Mal dabei ist heute eine Frau aus China.

Als „Volksdeutsche" kam Anni Blankenhorn in jungen Jahren samt Familie aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland. Sie hilft Menschen aus dieser Region deshalb auch oft als Dolmetscherin, ebenfalls eh­renamtlich, kommt mit zu Arztter­minen, übersetzt Behördenbriefe. „Tante" nennen die Asylbewerber die Seniorin liebevoll.

Ebenfalls zum Freundeskreis Asyl gehört Frauenfrühstück-Helferin Waltraud Sonntag-Oexle. Sie kümmert sich besonders um die Kindergartenkinder und Schulkin­der der Asylbewerber. Die Kontak­te zu den ausländischen Familien erlebt sie als bereichernd. Man be­komme viel Herzlichkeit, Dankbar­keit und Hilfsbereitschaft von den Menschen zurück, so ihre Erfah­rung. Freundschaften sind ent­standen.

Wie man in dieser Gruppe die aktuelle Flüchtlingsdebatte erlebt? Die ausländischen Frauen schwei­gen. Vielleicht ist es auch zu schwierig, die Frage in passenden Worten auf Deutsch zu beantwor­ten.

Bisher sind es neun Familien, die in Gerstetten vom Freundeskreis Asyl betreut werden. Der freund­schaftliche Kontakt ist die Stärke der ehrenamtlichen Helfer. Der Gedanke, dass über 100 weitere Asylbewerber in die Behelfsunter­kunft im ehemaligen Sky-Markt kommen, macht Waltraud Sonntag-Oexle durchaus Sorgen, gibt sie offen zu. Sie befürchtet, dass auf­grund der großen Menge die Be­ziehung zum Einzelnen verloren geht - unpersönliche Massenbe­treuung statt persönliche Kontak­te. „Ich glaube, da fühle ich mich überfordert", bekennt sie ehrlich.

„Wir schaffen das", sagt die Kanzlerin. „In Gerstetten schaffen wir das", sagt Anni Blankenhorn. Als Spätaussiedlerin 1955 habe man sie in Deutschland erst als „jugoslawische Zigeunerin" be­schimpft - heute sei das alles ver­gessen. Integration gelungen, auf beiden Seiten.

Alexandra Palzer schwank noch zwischen Skepsis und Zuversicht. „Die Frage ist, ob wir es schaffen wollen", wagt die Ärztin einzu­schränken. „Wenn die Antwort der Gesellschaft darauf ja ist, dann schaffen wir es."

Allerdings sei auch nicht ein­schätzbar, wie die Menschen sich verhalten, die hierher kommen. „Wir dürfen ja schon den An­spruch haben, dass unsere Regeln beachtet werden." Konflikte werde es da sicher geben. „Doch was ist die Alternative?", fragt Alexandra Palzer. Wenn man überlege, was diese Leute erlebt haben, „dann kann man doch gar nicht anders, als sie aufzunehmen", ist ihre Mei­nung.

Doch zurück zu leichterer Früh­stückskost. Eine Ungarin setzt sich ans Klavier in der Ecke des Ge­meinschaftsraums. Es wird still, die Frauen unterbrechen ihre Gesprä­che, um das unverhoffte Klavier­konzert genießen zu können. Und dann hat Brahms das letzte Wort. 

Brahms hat das letzte Wort: Zum Abschluss des Internationalen Frauenfrühstücks gibt es ein Gratis-Konzert der ungarischen Gäste.